Der Elefant Pete VII

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Der kleine Elefant Pete hatte genug von seinem Elefantendasein und wollte Finanzjongleur werden. Dazu musste er sich erst einmal alles in Erinnerung rufen, was er über das Jonglieren wusste. Denn nach allem was er gehört hatte, war dies der wichtigere Bestandteil beim Finanzjonglieren. Wie schon der alte und weise Pavian namens Ackerdrann gesagt hatte: „Finanzieren geht über Jonglieren.“ Pete trat also hinaus aus der kleinen Höhle, in der er mit seiner Elefantenherde lebte und versuchte beim gedankenverlorenen herumtreten kleiner Steinchen seine Gedanken zu finden. Als er ein Steinchen wegschoss, fiel ihm urplötzlich ein, warum er bis jetzt so selten von Finanzjongleuren gehört hatte: Es gab keine Währung in Petes Dorf. Gezahlt wurde meist mit dem Recht des Stärkeren. Doch das sollte sich bald ändern.

Petes Initiative für einen Savannendollar wurde ein voller Erfolg. Die Arten, die mit der alten “Währung“ nicht so zurechtkamen, wie etwa die Lemuren oder andere niedere Lebensformen, befürworteten die Idee auf breiter Front. Eine breit angelegt Medienkampange tat ihr übriges. Auf dem Dorfplatz, gleich neben den immernoch dampfenden Ruinen einer Bibliothek, zwischen Zypressen und Affenbrotbäumen trat nach zweimonatiger Beratungszeit dann endlich das große Konzil der Savannenregierung zusammen. Der König der Löwen (Ja, genau der! Der so hochgehalten wurde in diesem Disneyfilm und alle knien sich nieder weil er soooooo süß ist) fand das ganze Palaver nicht besonders interessant und beschloss dank seiner absoluten Mehrheit, die aus ihm alleine bestand, die Einführung des Savannendollars. Vor allem auch, damit Pete nicht mehr rumnervte. Ja, Pete konnte auf seine eigene süß-saure Art, die manche fast schon mit manischer Schizophrenie verglichen, sehr penetrant sein. So hatte er es bereits diverse Mal geschafft seine Freunde von einer gepflegten Partie russisches Roulette zu überzeugen. Seine Argumentation hörte sich meist so an: „Ach, sei doch kein Spießer! Man lebt nur einmal! Wenn nicht jetzt, wann dann? Du willst das nur nicht spielen, weil ich das will! Das macht wohl Spaß, du kannst das nur nicht richtig! Du hältst das für riskant? Das ganze Leben besteht aus Risiko und wenn du jetzt nicht mitspielst, kitzel ich dich aus, bis du weinst.“ Sehr überzeugend.

Die Währungsumstellung lief recht gesittet ab und alle waren zufrieden. Die kleinen Wühlmäuse konnte sich auch endlich mal ein Erdloch mit Klimaanlage leisten, die Giraffen bekamen endlich ihr lang ersehntes Trampolin, die Schlangen ihren eigenen Kreisverkehr und die Hyänen Blasen an den Füßen, weil die Antilopen inzwischen auf Motorrädern unterwegs waren. Pete konnte nun endlich sein Büro eröffnen, das im 213 Stock des neue errichteten Wolkenkratzers sich befand (Man beachte die elegante Satzstellung). Seine ersten Kunden waren eine großköpfige, nach Petes Transaktionen großkotzige (weil reiche) Erdmännchenfamilie, die dank geschickter Anlagetipps so reich wurde, dass sie später dazu übergingen, Geld zu essen. Und sie konnten sich sogar den Arzt leisten, der ihnen dann jedes Mal den Magen auspumpte. Und den Typen, der dem Arzt dann das Mittagessen kochte und massierte. To cut a long story short: Pete war so ein verdammtes Finanzjongleurgenie, dass einem schwindlig wurde. Er war quasi unbegrenzt in seiner Kreativität, neue Techniken zur Geldvermehrung zu entwickeln. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere konnte er sogar Verlust in Gewinne umwandeln. Er änderte einfach das Vorzeichen. Genial. Der alte Regenmann hatte ausgedient. Mit seinem lächerlichen Tanz konnte er niemanden mehr beeindrucken. A new star is born!

Mit so viel Erfolg hatte nicht einmal Pete selber gerechnet, es schien, als wäre er ein guter Finanzjongleur geworden. Er trainierte jeden Tag das Jonglieren mit rohen Krokodilseiern. Seiner Meinung nach schärfte das den Blick für das wesentliche seines Handwerks. Der Meinung der Krokodilseier nach war das ziemlich gefährlich, aber sie versuchten sich dieses moralische Urteil zu verkneifen und einfach möglichst still zu halten. Als Karell-Anton mal wieder das tägliche Training beobachtete, sprach er als Stimme der reinen Unvernunft: „Wir sollten vielleicht über eine Expansion unserer Möglichkeiten nachdenken. Wir müssen unseren Horizont erweitern. Stichwort: Eigenkaptialrendite! Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir ein Zweigstelle im Nachbarort eröffnen.“ Karell-Anton hatte natürlich nur sich im Sinn, als er das “wir“ aussprach. Er konnte zwar nicht rechnen, aber dass machte ja nix. Pete war sofort begeistert. Aus einer Zweigstelle wurden schnell 354. Die ganzen dörflichen Savannen war bewährungt. Und man muss einfach zugeben, dass Karell-Anton der Anzug aus feinstem Mahagoni besser stand als Pete. Pete wirkte darin immer etwas steif.

Pete und Karell-Anton kamen zu der Erkenntnis, dass sie heiraten mussten. Es kam auch für ihre Eltern etwas überraschend, aber sie heirateten nicht aus Liebe oder so. Für die steuerlichen Vorteile, die sie gewinnen konnten, waren sie bereit ihre homophoben Freunde zu verlieren. Sie würfelten aus, wer das Kleid tragen musste. Karell-Anton verlor. Oder gewann. Je nachdem, ob man einen Elefanten im weißen Brautkleid etwas abgewinnen kann oder nicht. In alle Ruhe, abgeschieden und weit draußen in der Wüste gaben sie sich das JA-Wort. Es lief nach Plan. Bis das erste Paparazzifoto in der Klatschpresse auftauchte. Die Finanzjongleursbranche war in hellem Aufruhr. Was hatte das zu bedeuten? Steuertrickserei oder doch wahre Liebe? Und wenn eins von beiden zutraf, was war schlimmer? Nun, es stellte sich raus, dass die Steuertrickserei schlimmer war. In solchen hochseriösen Kreisen, in denen nur auf höchstwissenschaftliches Jonglieren und lotterieähnlichen Zufallsprinzipien vertraut wurde, war DAS ein Skandal. Die Kraft der Suggestion.

Keine zweieinhalbtage später war Petes Firma ruiniert. Im Endeffekt ruinierte sie sich selber. Aber weil dies glücklicherweise die einzige Firma war, die sich mit Jonglieren von Finanzen beschäftigte traten keine Veränderungen der Lebensumstände ein. Niemand verlor seinen Job. Niemand musste anschließend in Armut leben. Niemand stellte das neue System in Frage. Glück gehabt.

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